Tim Vantol in Ummern

Tim Vantol in Ummern

Herzlich Willkommen auf Konzerte und andere Katastrophen! : )
Ich schreibe hier über meine Konzertreisen, über spontane Entscheidungen, umgeworfene Pläne und ich schwärme selbstverständlich ganz ganz viel über meine Lieblingskünstler.
Den Beginn macht der Abend, der mich zu diesem Blog inspiriert hat

Vor ein paar Wochen bin ich ganz spontan zu einem Konzert aufgebrochen. Angesehen habe ich mir Tim Vantol, ein Künstler aus den Niederlanden, den ich bereits einige Jahre kenne. 

Das erste Mal live gesehen habe ich ihn 2016, als er Support war bei Royal Republic. Zehn Jahre später habe ich kein einziges Konzert von Royal Republic mehr gesehen, aber Tim fast jedes Jahr.

Naja, in dieser Zeit sind auch drei neue Alben veröffentlicht worden, von denen mir jedes gefallen hat, aber sein letztes “Somewhere in Between” ist in meinen Augen mit Abstand das Beste! 

Von dem Album hatte ich damals irgendwie auch nicht besonders viel erwartet, aber ich dachte, ich höre mal rein und dann hat es mich wirklich richtig umgehauen! Da waren so viele Banger drauf, ich konnte es gar nicht fassen. 

Tickets für seine Albumtour hatte ich im Vorfeld bereits gekauft, indem ich die Vinyl inklusive Ticket vorbestellt habe. 

Hierzu muss ich wirklich nochmal betonen, wie liebevoll und schön dieses Paket bei mir angekommen ist. Das Ticket war total aufwendig gestaltet; er und seine Frau haben für jede Tourstadt eine Postkarte designed, die beilag und gewidmet gewesen ist, es waren außerdem noch Sticker dabei… es war offensichtlich, dass dort eine Menge Arbeit hineingesteckt worden ist.

Naja, Ticket hatte ich wie gesagt bestellt, hatte mich nach dem Albumrelease auch unfassbar aufs Konzert gefreut. Ich kam am Vorabend von einem Trip aus München heim, habe Ewigkeiten mit dem Zug nach Hause nach Berlin gebraucht, hatte das aber extra so gebucht, damit ich da bin, um zum “Holländer” zu gehen. Naja, was soll ich sagen? Das Konzert fiel leider kurzfristig aus aufgrund von Krankheit… kann niemand was dafür, es muss ja wirklich nicht gegangen sein, traurig war ich trotzdem sehr. 

Das Ganze war letztes Jahr im Oktober, einige Zeit war jetzt vergangen… normalerweise habe ich kein Problem damit, für Künstler an andere Orte zu reisen, wenn ich sie unbedingt sehen will, aber bei Tim fiel mir die Entscheidung zwischenzeitlich sehr schwer. Daher war ich im Oktober dann nicht auch noch woanders, um ihn zu sehen. Diese Tour ist für mich wirklich einfach mal ausgefallen. 

Das allein ist schon krass, weil ich glaube, ich habe in den letzten Jahren nicht eine einzige Tour von einem Künstler, den ich gut finde, komplett verpasst. Ich habe immer irgendwie eine Möglichkeit gefunden, aber da nicht. 

Ich habe aber darauf gehofft, dass er vielleicht doch nochmal ein Konzert in Berlin spielt. Ich weiß noch, dass er damals bei der Absage geschrieben hat “I will make up for that”… so wirklich viel drauf gesetzt habe ich ehrlich gesagt nicht, ich hielt es einfach für eine Floskel. 

Für diesen Sommer hatte er ein paar Sachen angekündigt, aber alles ziemlich weit weg für mich, einzig das Konzert im kleinen Ummern hatte ich mir irgendwo ganz hinten in meinem Kopf schon mal abgespeichert mit “vielleicht, wenns gar nicht anders geht”. 

Vor Wochen hat Tim dann eine neue Unplugged-Tour für November angekündigt und tatsächlich: Berlin ist dabei! 

Ich aber leider nicht, denn ich urlaube zu diesem Zeitpunkt gerade im fernen Neuseeland. Ist auch schön, freue ich mich auch drauf, aber Tim hätte ich doch trotzdem gern mal wieder gesehen. 

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits über zwei Jahre vergangen, dass ich ihn zuletzt live gesehen habe. 

Das letzte Mal war in Berlin im Hole44, wo er Support von Skinny Lister gewesen ist. Das war ein Mega-Abend, aber einfach viel zu lang her. 

Und dann passierte folgendes: 

zwei Tage vor dem Tag des Konzerts war ich morgens unterwegs, ich habe Musik gehört und übers Leben nachgedacht. Mein Spotify-Algorithmus hat komische Dinge an diesem Morgen getan und hat ein paar alte Banger ausgekramt. Dabei war neben diversen anderen Songs, zu denen ich vielleicht irgendwann mal komme, auch Tim Vantol. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ihn irgendwie nicht auf dem Schirm. Hatte das mit der Tour zwar mitbekommen, auch dass ich nicht da sein würde, aber ich habe nicht aktiv über das Konzert in Ummern nachgedacht. Wirklich nicht! 

Naja und dann lief der Song, ich glaube es war sogar “Are You Happy Now?”, der mein absoluter Favorit von seinem letzten Album und vermutlich auch jemals ist. Und dann war der Gedanke irgendwie da. Naja, dann bin ich erstmal zum Yoga und danach zur Arbeit… so richtig hat mich der Gedanke vom Konzert nicht losgelassen. Dann habe ich erstmal ChatGPT befragt, ob das ne gute Idee wäre, wie weit es denn ist und wie das Wetter wird, ob es noch Tickets gibt und so weiter. Und irgendwann hatte ich irgendwie keinen Grund mehr, der noch dagegen gesprochen hat außer, dass ich hätte allein fahren müssen.

Da ich derzeit probiere Geld zu sparen, wollte ich auch nichts für eine Unterkunft ausgeben. Drei Stunden sind es aber schon von Berlin bis dorthin. Zwar bin ich eine geübte Autofahrerin und schon viel für Konzerte überallhin unterwegs gewesen, aber meist habe ich doch mindestens eine Freundin mit dabei oder organisiere mir im Vorfeld jemanden, den ich dann auf der Rückfahrt während eines Telefonates volltexten kann. So kurzfristig war das alles schwierig, die meisten Leute haben Samstagabend halt was zu tun. 

Der Donnerstag war dann aber erstmal um, ich habe mir geschworen, eine erwachsene Entscheidung zu treffen und noch eine Nacht drüber zu schlafen. Habe ich dann auch gemacht und am Freitag ging es mir dann plötzlich irgendwie nicht so gut, mir tat alles weh vom Sport, ich habe mich einfach schlapp gefühlt. Also habe ich nur probiert, den Tag irgendwie rumzubekommen, bin heim und habe gechillt und die Entscheidung einfach auf den Samstag vertagt. Ich hatte mich auch emotional instabil gefühlt, habe viel geweint und war einfach nicht gut drauf. Samstag habe ich dann aber ausgeschlafen und mir ging es deutlich besser, also habe ich einfach ein Ticket gekauft. 

Ich habe das auch so ein bisschen als Erlebnis gesehen. In den letzten Wochen war mein Leben irgendwie nicht so aufregend, ich habe viel gearbeitet und musste ein paar Enttäuschungen verkraften, daher habe ich dringend Ablenkung benötigt. Gegen 14:30 Uhr bin ich dann los, habe Musik gehört und bin über die Autobahn gecruised. Zwischenzeitlich gab es einen Abstecher zu Burger King, das gehört auf so längeren Autobahnfahrten für mich irgendwie dazu. Es gab ein paar Veggie Nuggets, Pommes und Cola Zero, dann wurde nochmal die Route gecheckt und es ging weiter. 

Vorab hatte ich schon geschaut, was es in Ummern vielleicht zu sehen gäbe. Es stellte sich schnell heraus: es gibt dort ungefähr gar nichts. Ursprünglich dachte ich nämlich auch, ich würde dort vor Ort einfach etwas essen, auch um die Locals zu unterstützen, wenn ich schon nicht übernachte… es gab schlicht nichts außer einer Eisdiele und die hatte bereits geschlossen, als ich dort gegen 18 Uhr ankam. 

Ich bin diverse Male am Gemeindehaus – dem Ort des Geschehens – vorbei gefahren, weil ich keinen Parkplatz gefunden habe, das sah alles furchtbar privat aus. Ein paar Autos hatten neben dem Gebäude auf einer Wiese geparkt, da habe ich mich dann schließlich ganz frech auch einfach hingestellt. 

Es war immer noch Zeit bis zum Einlass, der sollte um 19 Uhr sein. Zuerst bin ich noch etwas im Auto sitzen geblieben, ich konnte durch die Fenster des Gemeindehauses tatsächlich beim Soundcheck zusehen. Das war insbesondere deshalb auch cool, weil ich so wusste, dass ich richtig bin 😀

Dann bin ich noch eine Runde spazieren gegangen, nachdem ich ja doch ein paar Stunden im Auto gesessen hatte, vorher den ganzen Tag auch nicht wirklich aktiv war und abends ja noch die Rückfahrt vor mir hatte. 

Viel zu sehen gab es nicht und Leute habe ich auch nicht getroffen, es ist wirklich ein eingeschlafenes Örtchen. In so einem Dorf war ich echt noch nie für ein Konzert glaube ich. Mittlerweile habe ich durch diverse Reisen ja doch schon auch ein paar ungewöhnlichere Orte besucht, aber so einer war bis dahin noch nicht dabei. 

Beim Reingehen habe ich dann den Herren vom Einlass mal befragt, ob ich denn mein Auto dort geparkt lassen könnte. Ich habe gesagt, ich habe Angst, dass ich abgeschleppt werde. Seine Antwort war, dass es im Ort eh keinen Abschleppdienst gibt und es Samstagabend wäre. Ich als alte Stadtpflanze bin sowas wirklich gar nicht gewohnt. Heißt aber nicht, dass ich das schlecht finde, ist halt nur doch schon anders. 

Als ich rein bin, war natürlich noch nichts los, außer mir waren nur ein paar ältere Herrschaften da. Im Prinzip hätte ich mir das denken können, aber irgendwie kann ich, was das angeht, nur schwer raus aus meiner Haut. Bin dann schon mal in Richtung Bühne, die war echt klein und auch sonst hatte das Ganze wenig mit anderen Locations zu tun, in denen ich Tim bereits live gesehen habe. Hatte so ein bisschen den Vibe von “Feier zum 60. Geburtstag” muss ich sagen. Ich war gespannt, wie die Stimmung sein würde. 

Etwas weiter hinten im Raum war auch der Merchandise aufgebaut und daneben war ein kleiner Raum, der scheinbar für die örtlichen Wahlen als Abstimmungsraum genutzt wird, jedenfalls war er mit “Wahlraum” betitelt. Eine Dame, die ebenfalls früh da war, hat gesagt, dort würde danach abgestimmt, ob das Konzert gefallen hat oder nicht. Wir sind ein wenig ins Gespräch gekommen, als ich meinte, ich kenne ihn bereits und würde in jedem Fall für ja stimmen 🙂

Als es dann los ging, waren dann doch einige Leute da, sodass der Raum gut gefüllt war, der Holländer hat ein paar Witze erzählt, aber auch davon, wie hart das Musik-Business ist. Insgesamt habe ich es wie immer als sehr sympathisch empfunden, er weiß schon, wie man ein Publikum gut unterhält. Ich habe viel gelacht und habe in dem Moment bereits gemerkt, dass es die richtige Entscheidung gewesen ist, diesen Weg auf mich zu nehmen. Es hat sich einfach gut angefühlt. Womöglich mag meine Wahrnehmung derzeit auch etwas verzerrt sein, weil es mir seelisch doch bereits mal besser ging im Leben. Ich habe viel zu Verarbeiten und das fällt mir schwer, aber wenn dem so ist, ist das ja auch nichts schlechtes. Im Gegenteil: es zeigt, dass es mir auch in schlechten Zeiten gut tut. 

Die Setliste hat mir auch richtig gefallen, es waren viele alte Banger dabei, die ich sehr sehr mag. Lustigerweise war ich glaube auch bei den älteren Songs textsicherer als bei den neuen. Aber die habe ich damals auch wirklich bis zum Erbrechen jeden Tag auf dem Weg zur Uni und zurück gehört, kein Wunder, dass mir das in Mark und Bein übergegangen ist. 

Fast ganz zum Schluss hat er dann noch “Are You Happy Now” gespielt, das war vermutlich mein Highlight! Dieser Song ist einfach so so schön und ich bin unendlich froh, ihn live gehört zu haben. 

Ich erinnere mich noch, dass ich letztes Jahr zum Albumrelease sofort gedacht habe, wie sehr ich mich darauf freue, weil ich ihn einfach unfassbar toll finde. Endlich wurde das wahr!

Als er dann fertig war und sich verabschiedet hat, hat er mir noch in die Augen gesehen und meinte, es wäre schön, dass ich gekommen bin. Da bin ich fast ein bisschen emotional geworden. 

Wie bereits beschrieben kenne ich ihn fast zehn Jahre, bisher habe ich jedes Mal nach dem Konzert nochmal mit ihm gesprochen, manche Gespräche dauerten länger, andere waren nur ein paar Sekunden. In der Vergangenheit hat er sich eigentlich meist an mich erinnert. Ich denke, dass das nach einiger Zeit einfach nicht ausbleibt, wenn man einfach immer und immer wieder zu den Konzerten kommt. Naja, jetzt waren aber zwei Jahre vergangen, daher war ich nun gar nicht mehr sicher, aber ich denke, er wusste schon sehr genau, wer ich bin. Das hat schon gut getan, weil ich mich in letzter Zeit schon sehr ungesehen gefühlt habe im Leben. Klar kann man das nicht auf den Alltag übertragen, aber schön war es trotzdem für den Moment. 

Wir haben kurz gequatscht, übers Leben, über seine Tour im Oktober letztes Jahr, über die kommende Tour im November usw. Ich bin noch los geworden, dass ich sein Album famos finde und Are You Happy Now mein Lieblingssong ist, das war mir wichtig. Habe dann auch noch kurz gesagt, dass ich auf der Hinfahrt dann drüber nachgedacht habe, dass er den ja auch einfach nicht spielen könnte und so und wie froh ich aber war, dass er dann doch noch kam. 

Tim hat gesagt, beim nächsten Mal und wenn mir was so wichtig ist, dann soll ich ihm das vorher ruhig sagen. Seine Worte: “Nicht, dass du dann enttäuscht bist”

Mich haben auch mehrere Leute dort angesprochen und meinten, wie cool es wäre, dass ich die Text ja könne und so, das war echt richtig richtig schön. Zum Glück hat mich aber niemand gefragt, von woher ich angereist bin… weil ich weiß, es gibt viele Leute, die erzählen von so etwas stolz, da gehöre ich jetzt nicht gerade dazu. Ich unternehme diese Reisen für mich und sonst niemanden und habe echt null Bock, Leuten zu erklären, warum ich das mache.

Generell muss ich nämlich sagen, kam ich mir da anfangs schon ganz schön fehl am Platz vor… weil da waren wirklich nur Leute aus dem Ort, die sich alle gegenseitig beim Reinkommen gegrüßt haben und dann ich 😀 Aber die waren alle wirklich sehr sehr nett, das kennt man ja als Berlinerin eh nicht so. 

Das Konzert war früh vorbei, da es ja keinen Support gab und Tim pünktlich angefangen hat. Ich habe noch eine Cola runter gestürzt, bin zur Toilette und dann habe ich mich um kurz vor zehn bereits auf den Heimweg gemacht. Auf so nächtlichen Fahrten ist anhalten eigentlich nie wirklich eine Option und allein schon mal gar nicht. Ich habe mich also drauf eingestellt, ohne Pause bis zuhause durchzuheizen und nur im äußersten Notfall zu halten. 

Auf der Fahrt habe ich dann mal die Spotify Playlist This is Tim Vantol durchlaufen lassen und habe doch ein paar alte Schätzchen wiedergefunden, die ich Ewigkeiten nicht gehört habe. 

Auf so längeren Fahrten zum Konzert gehört für mich immer dazu, die Songs vom Künstler nur auf der Rückfahrt zu hören, aber nie auf der Hinfahrt. 

Und als ich da am späten Samstagabend so allein über die A2 in Richtung Berlin gedüst bin und ein paar melancholische Songs übers Leben von Tim Vantol gehört habe, da war das Leben mal kurz völlig in Ordnung <3 

Die folgenden Tage habe ich noch oft darüber nachgedacht, wie besonders dieser Abend irgendwie war, obwohl er eigentlich gar nichts spezielles hatte. Aber vielleicht war es auch genau das: ein bisschen Konstanz und Sicherheit, dass manche Sachen sich auch nach zehn Jahren noch ziemlich genau so anfühlen wie damals.

Bitte verzeiht am Anfang, wenn das Layout und die Darstellung noch nicht so cool sind. Ich taste mich langsam heran 🙂

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